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„Beulen sind Berufsrisiko“

Frankfurter Rundschau
Wednesday, 29th December 2010
By Serge Debrebant
Interview occurred, 5th December 2010 in London, England

English translation:

Mr. Giles, why has a blind, nearly deaf man has the idea of making a world tour?

Because I like the adventure. At 20, I studied for half a year in South Carolina, USA. In the holidays I travelled alone to New Orleans. Since then, I realized how much fun it was for me to travel.

So far, you have been to 53 countries. How many times did you get lost?

Oh, that happens to me all the time. But that’s not bad. I just inquire precisely at passers-by for directions. By using my hearing aids, I understand people quite well. And in countries where people speak no English, I get information written on a sheet of paper to show people on the streets.

And what do you do when nobody is nearby?

Then I have to rely on myself. At the school for the blind, I learned how I can manage alone.

But surely you cannot climb a mountain alone?

This is actually pretty straightforward. I test the surface with my Stick and follow the upwards or downwards gradient, depending in which direction I wish to go. The road is usually where the ground is hard, around it there is usually grass or small stones. In the Rocky Mountains, however, I once came off the trail. Fortunately, a hiker came by and warned me: “Hey, you are about to walk on a glacier!”

And what did you say?

“Cool, can you take a picture of me?”

Your favourite country so far?

Maybe Alaska. I visited a friend who lives in a cabin by the sea. We went out by boat, caught salmon, and on land I helped him to build boats – this is how he earns his money. It’s a peaceful way of life. Great!

How does a blind, deaf man enjoy the sea?

I perceive the environment with my whole body: the rocking of the boat, the sound of water, the wind, the salt in the air. I also feel the vastness of space – but that is hard to describe.

Try it.

I hear the echo of my voice. And I feel how the air expands or is compressed. This is how I can see how the space is designed, whether it is open or closed, whether I’m going through a canyon or over large lake.

And how does it feel to visit a city?

The most exciting city I have visited is Bangkok. It was overwhelming: the traffic chaos, the fumes, the honking, the screams. I avoided the big holes on the sidewalks, thanks to my stick. It stinks from the gutter, and at the market, it smells like rotten meat and fruit. Also, I was sweating like a pig, because the temperature was 35 degrees in the shade.

Are large cities not dangerous for you?

So far I’ve been lucky, but I’m obviously an easy target. Sometimes taxi drivers or waiters give too little change. In Vietnam, I was robbed by a motorcyclist. In Canada my tent was stolen while I was away. When I came back to the campsite at night, I looked around using my stick for half an hour until I realized it was stolen. Then someone helped, and we went to the police. The policeman said that it might have been taken by a grizzly bear. What nonsense!

What else happened to you?

Well, there are a few mishaps that happened to me only because I am blind. In Zambia, I slipped on a wet wooden bridge. In Malawi, I fell down a small staircase, because I missed a step. When I walk through a city I hit against road signs or phone boxes. But bruises, scratches and dog shit are occupational hazards for the blind.

How do you keep your money?

Different currencies I hide in different places, for example in a money belt. For the various currencies, I use different corners in my purse, and I fold the bills and put them together, arranged by size, from large to small. US Dollars are difficult because all banknotes are the same. In Canada, the bills are marked with Braille.

The trips must be expensive …

When my father died, he left me a monthly pension. I sometimes sleep in a tent and in cheap hostels for backpackers or do couch surfing – in that case, you sleep in house of locals for free. I do not have high expenses in addition to the flight. Once I am in the country, I prefer the bus.

Why?

To me, buses are the best way to get to know a landscape. I notice when a bus goes up or down a mountain. I feel the curves, potholes and the road surface. The more bumps, the better. Well-paved roads are boring. Only my luggage is problematic. When I changed buses in Africa, I was always afraid that the driver forgot my backpack.

Your longest bus ride?

79 hours from Anchorage, Alaska to Seattle, Washington State. Most of the passengers were exhausted. I could have continued for hours. If I ride on the buses, I feel independent and free.

Original article in German:

Der Brite Tony Giles ist schwerhörig, blind – und dabei, alle Länder der Erde zu bereisen. Und zwar alleine. Im FR-Interview verrät der Abenteurer, warum er am liebsten Bus fährt.

Herr Giles, wie kommt ein blinder, fast tauber Mann auf die Idee, eine Weltreise zu machen?

Weil er das Abenteuer mag. Mit 20 habe ich ein halbes Jahr in South Carolina, in den USA, studiert. In den Semesterferien reiste ich dann alleine nach New Orleans. Da habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht.

Sie waren bisher in 53 Ländern. Wie oft haben Sie sich verlaufen?

Ach, das passiert mir ständig. Aber das ist nicht schlimm. Dann erkundige ich mich eben bei Passanten nach dem Weg. Wenn ich das Hörgerät eingeschaltet habe, geht das ja. Und in Ländern, in denen die Menschen kein Englisch sprechen, lasse ich mir die Sehenswürdigkeiten vorher auf ein Blatt Papier schreiben, das ich auf der Straße vorzeige.

Und was machen Sie, wenn niemand in der Nähe ist?

Dann muss ich mich auf mich selbst verlassen. In der Blindenschule habe ich gelernt, wie ich alleine zurechtkomme.

Aber sicher nicht, wie Sie alleine einen Berg besteigen?

Das geht sogar ziemlich einfach. Ich taste mit dem Stock den Untergrund ab. Da, wo der Weg ist, ist der Boden in der Regel festgetreten, drumherum wächst Gras oder liegen Steine. In den Rocky Mountains bin ich allerdings einmal vom Pfad abgekommen. Zum Glück kam ein Wanderer vorbei und warnte mich: „Hey, du läufst gerade auf einen Gletscher zu!“

Und was sagten Sie?

Cool, kannst du ein Photo von mir machen?

Ihr Lieblingsland bisher?

Vielleicht Alaska. Da habe ich einen Freund besucht, der in einer Blockhütte am Meer lebt. Wir sind mit dem Boot rausgefahren, haben Lachs gefangen, und an Land habe ich ihm dabei geholfen, Boote zu bauen – damit verdient er sein Geld. Diese friedliche, ursprüngliche Art zu leben. Toll!

Wie genießt ein blinder, schwerhöriger Mann das Meer?

Ich nehme die Umgebung mit meinem ganzen Körper wahr: das Schaukeln des Boots, das Rauschen des Wassers, der Wind, das Salz in der Luft. Außerdem spüre ich die Weite des Raumes – aber das lässt sich schwer beschreiben.

Zur Person
Der Brite Tony Giles, 32, lebt in Teignmouth in der englischen Grafschaft Devon und reist jedes Jahr mehrere Monate alleine durch die Welt, obwohl er blind und seit dem sechstem Lebensjahr hochgradig schwerhörig ist.

Bis jetzt hat er 53 Länder sowie alle Staaten der USA und Provinzen Kanadas besucht. Im Januar möchte er nach Südamerika reisen und von dort aus zur Antarktis gelangen.
Sein Reisebericht „Seeing the world my way“ ist vor kurzem bei Silverbooks in Großbritannien erschienen. Mehr Informationen unter tonythetraveller.com

Versuchen Sie es doch mal.

Ich höre, wie Geräusche widerhallen. Und ich fühle, wie die Luft sich ausdehnt oder zusammen gepresst wird. An diesen Sachen erkenne ich, wie der Raum um mich beschaffen ist: ob er offen oder geschlossen ist, ob ich durch einen Canyon oder über weite See fahre.

Und wie fühlt sich die Stadt an?

Die aufregendste Stadt, in der ich bisher war, ist Bangkok. Das war überwältigend: das Verkehrschaos, die Abgase, das Hupen, die Schreie. In den Bürgersteigen sind große Löcher, die ich mit meinem Stock ertastet habe. Es stinkt aus den Abgüssen, und auf den Märkten riecht es nach verdorbenem Fleisch und Früchten. Außerdem habe ich wie ein Schwein geschwitzt, weil die Temperatur 35 Grad im Schatten betrug.

Sind solche großen Städte nicht gefährlich für Sie?

Bisher habe ich Glück gehabt, aber ich bin natürlich ein leichtes Opfer. Manchmal geben mir Taxifahrer oder Bedienungen zu wenig Wechselgeld. In Vietnam hat mich ein Motorradfahrer ausgeraubt, in Kanada ist mir das Zelt gestohlen worden, während ich weg war. Als ich nachts zum Campingplatz zurückkam, habe ich erst eine halbe Stunde gesucht, weil ich dachte, ich hätte mich verlaufen. Dann hat mir jemand geholfen, und wir sind zur Polizei gefahren. Der Polizist sagte, dass vielleicht ein Grizzly-Bär zugeschlagen hätte. So ein Unsinn!

Sonst ist Ihnen nie etwas passiert?

Naja, es gibt ein paar Missgeschicke, die mir nur passiert sind, weil ich blind bin. In Sambia bin ich von einer nassen Holzbrücke gerutscht. In Malawi eine kleine Treppe heruntergefallen, weil ich eine Stufe verfehlt habe. Wenn ich durch eine Stadt gehe, stoße ich gegen Straßenschilder oder Telefonkabinen. Aber Beulen, Kratzer und Hundekacke gehören für Blinde zum Berufsrisiko.

Wie halten Sie Ihr Geld auseinander?

Unterschiedliche Währungen verstecke ich an verschiedenen Stellen, zum Beispiel in einem Geldgürtel. In meinem Geldbeutel kommen die verschiedenen Währungen in verschiedene Ecken, oder ich falte die Scheine und lege sie aufeinander, der Größe nach geordnet, von groß nach klein. Schwierig sind Dollars, da alle Banknoten gleich groß sind. In Kanada sind die Scheine mit Blindenschrift gekennzeichnet.

Die Reisen sind bestimmt teuer…

Als mein Vater starb, hat er mir eine Pension von monatlich 1200 Euro hinterlassen. Ich schlafe im Zelt, in billigen Herbergen für Rucksackreisende oder mache Couchsurfing – da schläft man kostenlos bei Einheimischen. Insofern habe ich keine hohen Ausgaben außer dem Flug. Sobald ich einmal im Land bin, nehme ich sowieso am liebsten den Bus.

Wieso?

Für mich sind Busse der beste Weg, eine Landschaft kennen zu lernen. Ich merke, wenn ein Bus einen Berg hoch- oder hinunterfährt. Ich nehme die Kurven, Schlaglöcher und den Straßenbelag wahr. Je mehr Schlaglöcher, desto besser. Gut asphaltierte Straßen sind langweilig. Nur das Gepäck ist problematisch. Wenn ich in Afrika Busse wechselte, hatte ich immer Angst, dass die Fahrer meinen Rucksack vergessen.

Ihre längst Busfahrt?

70 Stunden von Alaska nach Seattle. Die meisten Passagiere waren total erschöpft. Ich hätte noch stundenlang weiterfahren können. Wenn ich Bus fahre, fühle ich mich unabhängig und frei.

Interview: Serge Debrebant